Zur Selbstpräsentation von Frauen auf dem Weg zur Macht

Ich musste es selbst lernen und beobachte es bis heute: Bei Business-Veranstaltungen tauschen aus meiner Erfahrung nur wenige Wirtschaftsfrauen ihre Visitenkarten aus. Einige tragen nicht einmal welche bei sich. Warum? Warum nutzen so viele Frauen nicht dieses nonverbale Statement, um sich, ihre Rolle und ihren Einflussbereich bei einer Erstvorstellung zu umreißen? Männer verhalten sich da ganz anders. Sie nutzen in der Regel jedes naheliegende Werkzeug, um sich beim kleinsten Anlass zu profilieren. Visitenkarten einsammeln, die Adressen verwalten und Beziehungen nachhaltig aufbauen und pflegen, machen ebenfalls wenige Frauen – und wenn, dann teilweise zu Zwecken der Erweiterung ihrer Newsletter-Verteiler oder für die Liste der alljährlichen Weihnachtskarten. Während Männer ihr berufliches Netzwerk auf diese (und andere) Weise stetig ausdehnen, bleiben Frauen trotz intrinsischer Karrieremotivation oft jahrelang beim Status Quo und können dann, wenn für sie der Zeitpunkt des potenziellen Aufstiegs gekommen ist, nicht wie ihre Konkurrenten auf ein breit gefächertes berufliches Netzwerk zurückgreifen. Dies lässt sich statistisch nachweisen.

 

Bei einer Untersuchung über den Aufstieg in Führungspositionen (Bruttojahresgehalt über 100.000 Euro) wurden Managerinnen und Manager zu den Faktoren befragt, denen sie ihre Karriere zu verdanken hatten. Dabei wurden Spezialkenntnisse/Fachwissen und Fremdsprachen genannt, persönliche Beziehungen und die äußere Erscheinung. Am interessantesten war dabei aber die Aussage, dass 21 % der Männer „nicht direkt berufsorientierte Aktivitäten“ für einen zentralen Erfolgsfaktor hielten – bei den Frauen waren es 0%. Jetzt kommt es darauf an, was genau damit gemeint war. Laut der Wissenschaftler handelt es sich um gesellschaftliche Netzwerke: Die Sportkameraden, alte Schul- oder Studienfreunde, oberflächliche Bekanntschaften von Tagungen, Messen etc. Vor diesem Hintergrund bekommt eine scheinbare Kleinigkeit wie eine Visitenkarte eine eben doch wesentliche Bedeutung.

 

Wann wird eine Visitenkarte für wichtig erachtet? Neben einer soliden Papierstärke kommt es auf ein professionelles Design an, nicht aufdringlich, aber teuer darf es wirken. Das Entscheidendste darauf ist allerdings die Positionsbezeichnung. Die offizielle Berufsbezeichnung ist eben nichts Nebensächliches, sondern eine politische Botschaft und damit ein Machtsignal. Männer lesen sie auch so, gemäß dem politischen Subtext: „Leitung Pressearbeit“ impliziert eine Nuance weniger Macht als das personalisierte „Leiterin Pressearbeit“. Auch akademische Titel und Zusatzfunktionen haben ihre berechtigte Bedeutung, so dass es am Ende nicht zufällig ist, wenn Frau von einem Mann das scheinbar kameradschaftliche Du angeboten bekommt. Nicht selten wird so von vornherein ein potenzieller Rangunterschied eingeebnet.
Natürlich gibt es Firmen- und auch Branchenkulturen, in denen ein allgemeines Du selbstverständlich ist – man achte auf die Nuancen bei dieser Entscheidung. Ein Du später wieder in ein Sie zu verwandeln, wird als Affront gewertet oder ist schier unmöglich. 

 

Die Diskussion um die Berufsbezeichnung empfinden viele Frauen als überflüssig, insbesondere denen, denen es um die inhaltliche Arbeit geht. Für die Zusammenarbeit mit Männern ist der trennscharfe Titel jedoch jeden Energieeinsatz wert. Denn Männer werten diesen sichtbaren Rang genauso als Machtsymbol wie das Outfit, das Auto, die Bürogröße etc.

 

Insbesondere Frauen, die Konflikte in ihrem Arbeitsfeld haben, stehen mit ihrem Selbstbild oft im Widerspruch zu ihrer offiziellen Rolle. Sie wollen nicht den "Chef" raushängen lassen, den sie früher aufgrund ihrer Unterlegenheit missachteten und unter ihm litten. Und viele Frauen in Führungsposition zeigen ein derart ausgeprägtes Einfühlungsvermögen im Arbeitsleben, so dass sie mitunter an ihrem Aufgabenfeld vorbei handeln, wenn sie in einem Übermaß auf die Bedürfnisse ihrer Untergebenen eingehen und so überfällige Entscheidungen oder Konsequenzen vertagen. Doch die Erfüllung ihres Jobs besteht in erster Linie in der Erbringung von Leistung. Auch wenn die gehobene Stimmung durchaus ein Beschleuniger von Leistungsbereitschaft ist, so steht diese im Controlling nicht ausgewiesen.

 

Allen Frauen in Führungs- und Verantwortungspositionen möchte ich aus eigener Erfahrung ein paar Punkte ans Herz legen:


•    Nehmen Sie Ihre berufliche Rolle bitte absolut ernst und konzentrieren Sie sich auf Ihre Kerntätigkeit: Als Professorin heißt das, Wissen weiterzugeben und nicht zu forschen, wie es vorab möglicherweise war. Als Abteilungsleiterin weisen Sie bitte Aufgaben zu - gern auch in Absprache, und warten sie nicht, bis jemand anderes das übernimmt.

•    Machen Sie nach außen sichtbar, wer Sie sind und was Sie tun. Nutzen Sie dazu auch Statussymbole – in Ihrem Maß, die Ihre Wirkung unterstreichen.

•    Lernen und durchdringen Sie die Gesetzmäßigkeiten von Macht: wie wird sie forciert, wie gemindert, welche Kommunikationsformen sind wann nützlich...

•    Schaffen Sie sich selbst einen Rahmen, in dem Sie sich an Ihre (neue) Rolle gewöhnen, sich in ihr „einfühlen“ können. Welches Outfit versetzt Sie in welchen Gemütszustand? Welche Körpersprache unterstützt Sie in Ihrem Selbstwertgefühl und in Ihrer Wirkung?
Hier noch ein kleines Achtung! Eine zu attraktive Ausstrahlung kann hin und wieder auch schaden. Provozieren Sie keinen „Schönheitsbonus“, denn dieser kann im Nachhinein negativ auf Sie zurückfallen.

•    Üben Sie sich in Ihrem Auftreten, Ihrer Kommunikation und reflektieren Sie Ihre Wirkung in einem Rahmen, der Ihnen ein vertrauliches Feedback ermöglicht. Lernen Sie den Effekt Ihres natürlichen Auftretens kennen, ohne Schuldgefühle, ohne Scham und Minderwertigkeitskomplexe.
 

Einen solchen Rahmen schaffe ich im Progress Mentoring für weibliche Führungsstärke, den ich fortan einmal jährlich anbiete. Falls Ihr Interesse zu einem ungünstigen Zeitpunkt geweckt, kommen Sie gern direkt auf mich zu. Wir finden einen vertraulichen Rahmen und eine Lösung für Sie!

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