Der Fachkräftemangel - nur eine Farce?

Ende 2018 waren laut Bundesagentur für Arbeit 2,2 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet und weitere 3,1 Millionen unterbeschäftigt. Dazu kommen womöglich Hunderttausende, die krank gemeldet sind, die sich nicht arbeitslos melden oder trotz guter Ausbildung gar nicht arbeiten wollen (z. B. aufgrund finanzieller Nachteile infolge des Ehegattensplitting), in Frührente geschickt wurden, Maßnahmen der Jobcenter absolvieren oder demnächst Integrationskurse abschließen und dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Kurzum: Es gibt noch viel ungenutztes Potenzial in Deutschland.


Wie sieht es auf der Soll-Seite aus? Ende 2018 waren der Bundesagentur für Arbeit 781.000 offene Stellen gemeldet. Frühere Statistiken haben ergeben, dass nur etwa 50% aller Jobangebote an die Arbeitsagenturen gemeldet werden. Wir können also durchaus von rund 1,5 Millionen offenen Stellen ausgehen. Darüber geben 1,4 Millionen Menschen an, überbeschäftigt zu sein. Sie würden also gern weniger arbeiten.


Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel Dauerthema. Scheinbar passen die Qualifikationen der Arbeit-Suchenden mit den der Arbeiter-Suchenden nicht überein. Aber ist dem wirklich so?


Meine Meinung ist, dass Arbeitgeber mal dahin schauen sollten, wo es tatsächlich viele ungenutzte Potenziale auf dem Arbeitsmarkt gibt: bei Müttern, chronisch Erkrankten mit und ohne Behinderung, bei Über-50-Jährigen (die ja immer noch locker 10 Jahre im Unternehmen sein können), bei Migranten und Flüchtlingen, die loyal und arbeitswillig eingestellt sind usw. Hier bedarf es noch deutlich mehr Flexibilität und Offenheit von Arbeitgebern, sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse hinsichtlich Arbeitszeiten, -orten, -sprachen etc. einzustellen. Flexible Arbeitsmodelle sind das Gebot der Stunde.


In der ZEIT wurde kürzlich ein promovierter Ingenieur der Verfahrenstechnik mit Diplom-Abschlussnote 1,9 und lückenlosem Lebenslauf porträtiert. 2018 hat er über 100 Bewerbungen verschickt. Immerhin 15 Mal wurde er zu einem Gespräch eingeladen, meistens bei Zeitarbeitsfirmen. Eingestellt wurde er nie. Und allein äußerlich ist dieser Kandidat ja schon recht privilegiert: Er ist ein weißer Mann, Deutsch-Muttersprachler, vermutlich kinderlos, Doktortitel und erst 33 Jahre alt. Wie soll es da z. B. der alleinerziehenden Frau of colour gehen, die vielleicht nie eine Schule besucht hat und kaum Deutsch kann? Natürlich ist diese Frage provokant. Aber wir müssen sie uns stellen: Ist der Fachkräftemangel eine Farce?


Haben Arbeitgeber einfach zu hohe Ansprüche? 2017 konnten sie ihre ausgeschriebenen Stellen erst 27 Tage später besetzen, als sie es sich gewünscht hätten. Andererseits ist das aber nicht einmal ein Monat und damit vielleicht auch gar nicht weiter schlimm – schließlich sind auch die Bewerbungsverfahren aufwändiger geworden: Es gibt 3, 4 oder 5 Bewerbungsrunden, man will den Bewerber ja auch richtig kennenlernen. Oder wie gehen Sie da vor?


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit ist zurückhaltend, wenn von einem vermeintlichen Fachkräftemangel die Rede ist: "Es kommen immer noch zwei Arbeitslose auf eine offene Stelle. Man kann also nicht sagen, dass es einen generellen Engpass gibt. Im Durchschnitt sind genügend Arbeitskräfte vorhanden."


Auch wenn die Mitarbeitersuche für viele Unternehmen schwieriger geworden ist, sie sind in vielen Branchen weiterhin am längeren Hebel und geben den Ton an. Auch die Arbeitsagentur kommt zu dem Ergebnis: Die Lage ist in einigen Regionen und einigen Branchen maximal angespannt - von einem generellen Fachkräftemangel könne in Deutschland "weiterhin nicht gesprochen werden".


Dafür müssen die Unternehmen sich nur allen Potenzialen gegenüber offen zeigen. In dieser Woche wurde eine Studie veröffentlicht, wonach sich in Deutschland außerordentlich wenige LGBTQ-Menschen trauen, sich am Arbeitsplatz zu outen. Im 20-Länder-Vergleich landete Deutschland mit 37 Prozent ganz hinten. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sagte dazu: "Für viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem auch transgeschlechtliche Menschen ist es immer noch schwierig, sich im Job zu outen, weil sie Diskriminierung und den Karriereknick befürchten müssen." Gerade in der Gruppe der Berufsanfänger sei diese Angst ausgeprägt.


Wenn Firmen dieses Thema nicht angehen, entgehen ihnen wichtige Talente, weil die sich gar nicht erst bewerben. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 6 Millionen Menschen nicht-heterosexuell. 7,8 Millionen sind schwerbehindert. Knapp 1 Million teilzeitbeschäftigter Frauen würden gern mehr arbeiten. Über 4 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter sind derzeit SGB-II-leistungsberechtigt, darunter über 600.000 Geflüchtete. 


Wir sehen: Es gibt noch viele Menschen in Deutschland, die Arbeit suchen. Die Unternehmen müssen nur ihre Anforderungen etwas herunterschrauben. Das wird unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe für das nächste Jahrzehnt sein.

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