Berufliche Zwangslagen: Abgrenzungskonflikt oder Zeit zur Neuwahl?

Was und in welchem Ausmaß sich in den letzten Monaten bewegt, habe ich in über 20 Jahren Berufstätigkeit nie in dieser Intensität erlebt. Alles scheint im Wandel zu sein, diversen Stichproben standhalten zu müssen oder zerrissen zu werden. Viele Menschen wollen aktuell fliehen: vor dem Arbeitsdruck, vor Umstrukturierungen, vor den Fragestellungen, die nun notgedrungen beantwortet und entschieden werden müssen. Unzählige Menschen denken, dass sie in einem anderen Beruf, in einem anderen Team nicht so gestresst wären. Dabei geht es im Kern um die eigene Fähigkeit, sich abzugrenzen. Die Münchner Psychologin Madeleine Leitner wagt in ihrem Artikel für die Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell sogar die Einschätzung: „Von 100 Menschen, die in meine Praxis kommen, sind nur etwa drei bis fünf wirklich in einem falschen Beruf. Bei allen anderen liegen die Schwierigkeiten woanders.“ Es seien oft massive Selbstwertprobleme, ein zu hoher Leistungsanspruch oder Ängste, die Menschen beim Arbeiten ein so unangenehmes Gefühl geben, dass sie „nur noch raus wollen“. 


Eine Einladung zur Reflexion


Mit diesem Artikel möchte ich für Sie und mit Ihnen hinterfragen, wo der Keim der Unzufriedenheit sitzt, was ihn auslöst und mich damit auseinandersetzen, an welcher Stelle ich Ihnen welche Empfehlung mitgeben kann.


Gehen oder bleiben? – Die Entscheidung


Ist es zu viel Routine, sind es schlaflose Nächte oder fühlen Sie sich fremd in Ihrem Team, spüren Sie, dass Ihre Werte gegensätzlich zu denen Ihres Arbeitgebers stehen? Was sind eigentlich gute Gründe, sich umzuorientieren und wann sollten Sie es lieber sein lassen? In den letzten Wochen habe ich mit so vielen Menschen darüber gesprochen, dass ich Ihnen eine kleine Gegenüberstellung für den beruflichen Wechsel mitgeben möchte.

Gute Gründe für einen Wechsel


  • Ihre Firma hat über einen längeren Zeitraum finanzielle Schwierigkeiten, Gehälter werden zu spät oder nicht gezahlt
  • Das Zerwürfnis zwischen Ihnen und Ihrer direkten Führungskraft ist so eklatant, dass Sie auf keinen grünen Zweig mehr kommen
  • Die Ethik und Positionierung Ihres Unternehmens passt in keiner Weise zu Ihren eigenen Werten und Zielen
  • Ihnen fehlen Kernkompetenzen, die für Ihr Aufgabenfeld nötig sind
  • Es herrscht mehr als 70 Prozent Routine – Sie sind nur noch gelangweilt und haben das Gefühl, nichts mehr dazuzulernen
  • Ihr Körper sendet Ihnen unmissverständliche Signale (Krankheitssymptome) in Zusammenhang mit Ihrer Arbeit

Schlechte Gründe für einen Wechsel


  • Das Gefühl, ein anderer Job würde mehr „Spaß“ machen
  • Torschlusspanik: Angst, jetzt noch mal etwas reißen zu müssen, bevor man zu alt ist
  • Diffuse Veränderungswünsche: „Irgendwas im Leben muss anders werden“
  • Verärgerung, Frust, Kränkung durch Vorgesetzte, Kollegium oder „die Firma“
  • Ein Traumjob aus Kindertagen, nach dem man große Sehnsucht hat, ohne geprüft zu haben, ob er und man selbst den Erwartungen und Anforderungen standhält
  • Die Idee, dass es woanders oder in der Selbstständigkeit keinerlei Probleme und Konflikte gäbe


Wenn Veränderungen von außen kommen


Natürlich spielt sich nicht alles nur in unseren Köpfen ab. Es passiert genug um uns herum, um auch darauf zu schauen, was die Umstrukturierungen von Unternehmens und Organisationen, neu aufgesetzte Prozesse mit uns machen – und welche Anpassungen nicht nur in unseren Leistungen, sondern besonders auch in unserem Denken und Handeln jetzt hilfreich sind. Auf die Frage, wie wir Veränderungen, die uns unwillkürlich widerfahren, so begegnen können, dass sie uns nicht (so sehr) stressen oder uns in eine berufliche Sackgasse bringen, hat der Psychologieprofessor Marc L. Savickas von der Kent State University das Konzept der laufbahnbezogenenen Anpassungsfähigkeit entwickelt. Er fand heraus, dass Menschen mit einem bestimmten Bündel an Fähigkeiten besser mit Veränderungen umgehen können und diese in ihrem Sinn gestalten. Vier Faktoren sind dabei wichtig:


  • Sorge: Die Fähigkeit, sich immer wieder umsichtig die Frage zu stellen, wie sich der eigene Arbeitsplatz entwickelt, welche Anforderungen in der Zukunft gefragt sein werden und wie man sich diese aneignen könnte.
  • Kontrolle: Eigenständige Entscheidungen in Bezug auf die berufliche Laufbahn treffen: sich Ziele setzen und diese verfolgen, Positionen anstreben, die den eigenen Kompetenzen entsprechen, den Job wechseln, wenn er nicht mehr passt.
  • Neugier: Der Wunsch, im Alltag Dinge zu verstehen. Fragestellungen oder Probleme, die sich bei der Arbeit ergeben, interessiert untersuchen. Generell Neues schätzen. Selbstbewusstsein.
  • Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten: Die Erfahrung, dass eigene Handlungen, Vorschläge oder Ideen dazu beitragen, dass eine Situation sich verändert oder verbessert.


Der Zusammenhang zwischen diesen Faktoren, zwischen der Selbstkontrolle und der „autonomen“ Motivation, spiegelt ein ausgeprägtes Gefühl der Selbstbestimmung wider. So werden wir in die Lage versetzt, auch Langstreckenziele zu verfolgen, durchzuhalten und zu erreichen. Die Klarheit, die aus dieser Form der Reflexion hervorgeht, verschafft uns das nötige Maß an Disziplin und macht es uns leichter, persönliche Gründe für die Aktivitäten im Hier und Heute zu finden und diese als sinnvoll anzusehen – auch, wenn wir sie gerade nicht mögen.


Wenn Sie sich mit solchen Fragen oder Schwierigkeiten auseinandersetzen und allein nicht weiterkommen, unterstütze ich Sie gern dabei, Ihren „roten Faden“ wiederzufinden. Damit meine ich, mit Ihnen gemeinsam Ihre Werte heraus zu kristallisieren und mit Ihren Fähigkeiten und Erfahrungen im Berufsleben abzugleichen. Denn erst, wenn Sie Ihr Leben Ihren Werten getreu gestalten und mit Ihren vorhandenen Kompetenzen in die Waagschale werfen, wird es leicht für Sie, ein neues Feld zu erschließen oder in Ihrem aktuellen Berufsweg (wieder) mehr Erfüllung zu finden.

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